Wie schön ist es, irgendwo in der Fremde Worte der heimatlichen Mundart zu
hören. Goethe sagte einmal: "Jede Provinz liebt ihren Dialekt;
denn er ist doch
eigentlich das Element, aus welchem die Seele ihren Atem schöpft."
Wir Erzgebirger dürfen stolz sein, eine echte Mundart zu besitzen und sogar
in verschiedenen Färbungen: west-, ost- und niedererzgebirgisch.
Lautmalerei und
Bilderreichtum ohnegleichen, Kraft und kerniger Humor liegen in dieser Mundart.
Dann auch wieder eine Tiefe des Gemüts
und grübelnder Ernst und so viel
Schelmerei und Treuherzigkeit, ja auch wahre Eulenspiegelei in Wort und Lied.
Hunacket nennt der Erzgebirger einen stets zu Streichen aufgelegen Menschen.
Einfach und schlicht ist diese Sprache, ohne Umschweife.
In wenigen Worten oder
gar Silben wird so viel ausgesagt - eine wahre Schatz- und Fundgrube der
Sprache. Immer neue Worte werden
da gefunden, die die Hochsprache befruchten und
bereichern, wobei oft schlichte Menschen, ohne verstandesmäßig zu konstruieren,
in immer neuen, treffenden Ausdrücken wahrhaft sprachschöpferisch wirken. Es
tritt ihnen "vom Herzen auf die Zunge" - das kann man
da mit Recht sagen. Und
wie gelamber (gelenkig) ist diese Zunge! Flink wie ein Echerle (Eichhörnchen).
Das mögen folgende Beispiele
zeigen:
Einer macht ein Natzerle (kleines Schläfchen), jener ist ein
Zengstnaus (lang
gewachsener Mensch). Dieses Wort kann aber auch eine Richtung
angeben: "zengstnaus
dor Stroß". Die gunge Maad tue rimschwooln (schweben), sie tschampern (tänzeln).
Einer ist gutteger (ganz und gar)
dottnet (verdreht). Gahlings (jählings) tuts
en Pfatschers (Plumps). Man hörts richtig. Im Ufen lummerts (der Ofen gibt leise
Töne von sich).
Da bischbert (flüstert) jemand, da ist ein Maadel gar aagnsinnig
(ordentlich genau) un is hot en funkelnaalneies (funkelnagelneues ) Kaschedel
(Jäckchen) von tschitzscherigriener (zeisiggrün, gelbgrün) Farb aa. 's hot Aagn
wie glänzende Patterle, su gruß wie Kaasnapple
(Näpfchen, in dem der "alte Käse"
geformt wird). Da steht etwas off dor Kipp (am Höhepunkt angelangt). Zengstrim
ist ens so ruhig
(ringsum), aber da sappt (derb auftreten) ens durch den Schnee,
während säppeln trippeln bedeutet. Artlich heißt sonderbar, eigenartig,
sich ohflahe ist abspülen oder sich waschen.
Wenn die Mutter 's Gemacht oder Inselt-Talg eingeschnitten hat, macht sie
griegenüffelte Kließ, das sind aus "grünen", also rohen Kartoffeln
geriebene
Klöße. Sie will dabei nicht gestört werden, sonst sagt sie: "Pfei miech immering",
d.h. "Laß mich in Ruhe!" mit dem Geattel (Geblödel),
Gemaar oder Gemootz,
Gepatsch bedeutet dummes Geschwätz.
Eine Ölfunzel ist eine schlecht brennende Lampe, eine
Tranfunzel kann aber
auch einen trägen, faulen Menschen bezeichnen. Da ist etwas
lätschig (fade) und
dort quärchelt einer herum (einer, der nichts fertig bringt). Herrschte heißt
hörst du?, amende heißt vielleicht.
Die Hitsch ist eine Fußbank, wispeln,
zwispeln, fitzen sind Ausdrücke für einen unruhigen Menschen, den es "umhertreibt".
Eine Hampfel
ist eine Handvoll, aber ein hämpflicher Mensch nimmt mit vollen
Händen, usw.
Wie in vielen anderen Gegenden Deutschlands sind auch im Erzgebirge
Weihnachten und die heiligen 12 Nächte mit vielerlei Aberglauben und Brauchtum
verknüpft. Die meisten der geschilderten Bräuche sind alten Quellen entnommen
und heute nicht mehr vorhanden.In der Gegend von Annaberg und anderswo wurden zu Weihnachten die Obstbäume
mit einem Strohband umbunden, manchmal wurde auch ein Pfennig ins Strohband
gesteckt. Damit sollte bewirkt werden, daß die Bäume im Laufe des Jahres gut
tragen.In der Gegend von Schwarzenberg warfen Mädchen Strohbüsche an einen Baum, so
viel mal sie fehlten, so viele Jahre mußten sie warten bis zur Heirat. Allgemein gilt wohl noch heute im Erzgebirge, daß der Weihnachtstollen im
Erzgebirge erst am ersten Feiertag angeschnitten wird. Das soll Segen bringen. An den »drei Heiligen Abenden« kamen im Erzgebirge neunerlei Speisen auf den
Tisch: Linsen, Erbsen, Hirse, Sauerkraut, Brot, Pfeffer, Salz, Kartoffeln, Fisch
(Hering). Dabei bedeutet das Gericht Linsen: Kupfer; Erbsen: Nickel, Hirse:
Gold; Sauerkraut: Stroh. Nach dem Essen wurden Brot, Salz und ein
Weihnachtslicht in das Tischtuch zusammen eingeschlagen. Das Bündel blieb bis
zum anderen Morgen früh auf dem Tisch liegen. Das sollte Ordnung bringen. So
jedenfalls wird das vor allem aus dem Heilig-Abend-Lied bekanntgewordene
»Neunerlei« Ende des 19. Jh. aus der Schwarzenberger Gegend überliefert.
Auch im Erzgebirge hatten die 12 Nächte oder Unternächte von
Weihnachten bis Hohneujahr eine besondere Bedeutung:
Was man dann träumt, das wird in den nachfolgenden 12 Monaten der Reihe nach in
Erfüllung gehen. Aus Sayda ist überliefert, daß man dort am ersten Feiertag früh um 4 Uhr mit
brennender Wachskerze in die Kirche ging und die Predigt mit der Kerze in der
Hand anhörte. Aus Kirchberg und Umgebung ist aus dem 19. Jh. ein Spiel am Weihnachtsabend
überliefert. Es werden 12 Schüsseln auf den Tisch gestellt. In die eine wird
reines Wasser, in die zweite schmutziges Wasser gefüllt, in die dritte wird ein
Läppchen gelegt, in die vierte Salz, in die fünfte Geld, in die sechste der
Brautkranz, in die siebte der Patenkranz, in die achte der Totenkranz, in die
neunte ein goldener Ring, in die zehnte ein altes Stück Metall, in die elfte ein
Stab und in die zwölfte nichts. Dem einen der Mitspielenden werden die Augen
verbunden. Greift er nach dem reinen Wasser, so ist das kommende Jahr gesegnet.
Greift er nach dem schmutzigen Wasser, so ist eine Teuerung vor der Tür. Das
Läppchen bedeutet eine alte Jungfer, das Salz Trauer, das Geld Reichtum, der
Brautkranz Hochzeit, der Patenkranz Taufe, der Totenkranz, daß einer aus der
Familie stirbt, der goldene Ring verheißt Glück, das alte Metall Unglück, der
Stab kündigt an, daß der Gefragte im kommenden Jahr das Haus verläßt, die leere
zwölfte Schüssel bedeutet, daß man es im Leben nicht weit bringt. Besondere Bräuche gab es am Altjahresabend, an dem traditionell Blei gegossen
wird, in anderen Gegenden auch zu Weihnachten. Zu Silvester wurden alle Töpfe
gefüllt, das bedeutet Segen im Haus. Mancherlei Aberglauben verbindet sich mit dem Mitternachtsläuten in der
Neujahrsnacht. Während es schlägt, soll man in den Spiegel sehen und sprechen:
»Hokuspokus, hokuspokus, Spieglein, Spieglein an der Wand, höre jetzt mein
heißes flehen, laß mich in der Geisterstunde meinen einst'gen Bräutigam sehen.«Auch wurde gesagt, daß man um Mitternacht in die Esse sehen soll. Sieht man
einen Sarg, so stirbt man, sieht man ein freundliches Gesicht, so heiratet man.
Ein unverheiratetes Mädchen soll um 12 Uhr im Finstern den Hausflur kehren und
wenn es klappt, die Tür öffnen. Steht dann ein Mann davor, so ist es der
Zukünftige.






Bilder 3, 8, 19, 20, 22 und 23
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